Was ist mentale Stärke?

Oft werde ich gefragt: Wie hast du es geschafft, mit dem Rad beinahe nonstop in 8 bis 9 Tagen mehr als 5000 km quer durch Amerika zu fahren und dabei nur 1 Stunde am Tag zu schlafen? Oder: Was braucht es für persönliche Eigenschaften, um den Mt. Everest zu besteigen? Wie lassen sich derartige Herausforderungen erfolgreich bewältigen? Nicht nur körperlich, sondern vor allem mental?

Szenenwechsel: Viele Formel 1-Fans stellen sich berechtigt die Frage, wodurch Newcomer Lewis Hamilton zum absoluten Shooting-Star der Szene werden konnte. Wie ist es ihm gelungen, als „Rookie“ in seiner ersten Saison bis auf einen einzigen Punkt an den Weltmeistertitel heranzukommen? Hatte er Anfängerglück? Ist er einfach nur "rotzfrech" und "cool"? Oder ist er ein Ausnahmekönner, der schon jetzt besser ist als Michael Schumacher es jemals war? 

Stellen wir die Frage anders: Wodurch unterscheiden sich erfolgreiche Top-Sportler wie Michael Schumacher, Roger Federer, Hermann Maier, Sergej Bubka oder Tiger Woods vom "Rest" der Sportwelt? Was haben sie trotz aller persönlichen und sportlichen Unterschiede gemeinsam, was macht ihre Erfolge aus? Ist es Talent, besonderes Können oder beinahe abnormer Trainingsfleiß? Gepaart mit dem berühmt-berüchtigten Egoismus, der Spitzensportlern ja immer wieder nachgesagt wird?

Im Spitzensport hat sich folgende These etabliert: Zu 70% bestimmt der Kopf über Sieg oder Niederlage, zu 28% die körperliche Verfassung und lediglich zu 2% die richtige Technik. Aus meiner Sicht ist diese These auch die Antwort auf die oben skizzierten Fragen: Die mentale Stärke macht’s, denn Erfolg entsteht im Kopf. Das Rezept dafür? Wer im entscheidenden Augenblick über seine Stärken und Fähigkeiten Bescheid weiß, dabei ganz auf sich selbst vertraut, ruhig und gelassen bleibt und trotzdem kraftvoll "zubeißen" kann, hat die Nase vorne. 

Beispiele? Gibt es genügend. Auch spektakuläre: etwa Hermann Maiers furchterregenden Sturz bei den olympischen Winterspielen 1998 in Nagano: trotz aller Blessuren ist Maier drei Tage später zweifacher Olympiasieger. Oder Niki Laudas Horrorunfall auf dem Nürburgring 1976: knapp dem Flammentod entronnen, kämpft er vier Tage um sein Leben. Steigt nach nur 39 Tagen wieder ins Cockpit und verfehlt die Verteidigung seines WM-Titels um einen einzigen Punkt. Oder das Tennis-Finale der US Open 2005: Andre Agassi stürmt nach drei fulminanten Fünfsatz-Siegen in Serie als absoluter Top-Favorit auf den Platz. Roger Federer agiert unbeeindruckt davon kühl und gelassen und geht als ungesetzter Sieger vom Platz. 

Diese Beispiele bestätigen eindrucksvoll die These, wie sehr Erfolg aus dem Kopf heraus gesteuert wird. Daher gibt es auch keinen Top-Athleten mehr, der sich nicht intensiv mit der mentalen Komponente seines Sports auseinandersetzt und versucht, mentale Stärke aufzubauen. Und nicht zuletzt war mentale Stärke immer die Grundlage für meine eigenen Erfolge: beim Race Across America, bei der Besteigung des Mount Everest, dem Weltrekord im Rennen quer durch Australien, meinen beiden 24-Stunden-Weltrekorden.

Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, dass mentale Stärke auch die Grundlage für den beruflichen Erfolg bildet? Erfolg im Sport und im Berufsleben haben wesentlich mehr Gemeinsamkeiten als Sie vielleicht annehmen. Denn hier wie dort entsteht Erfolg nicht durch verbissenes Arbeiten oder durch selbst auferlegten Zwang zum Erfolg. Sondern durch positive innere Einstellungen und motivierende Ziele, Vertrauen zu sich selbst, Disziplin im Denken und Handeln und vieles mehr. 


Sportliche Grüße
Wolfgang Fasching