Die Geduldsprobe am Mount Vinson (4.897m)

Der Mount Vinson in der Antarktis zählt sicher zu den schönsten und exklusivsten Bergen dieser Erde. Seine Abgeschiedenheit macht die Besteigung zu einem einzigartigen Erlebnis und hält immer wieder Überraschungen bereit: In meinem Fall machte rekordverdächtiges Warten die Besteigung zur Geduldsprobe.

Die Anreise nach Punta Arenas dauert lange, verläuft aber wie geplant. Dort angekommen werden wir sofort zum „Antarktisbriefing“ gebeten und ein sofortiger Weiterflug erscheint realistisch. Das Briefing sollte uns auf die Besonderheiten, aber auch auf die Gefahren der Antarktis hinweisen. Auch wenn gerade Sommer in der Antarktis ist, sind die Temperaturen mehr als winterlich: Die Quecksilbersäule klettert kaum über minus 30 Grad und hohe Windgeschwindigkeiten gehören zu den Rahmenbedingungen. Eingewiesen in die Besonderheiten wird unser gesamtes Gepäck bereits in die russische Transportmaschine Illjushin 176 verladen. Kurz vor dem Start kommt jedoch folgende Nachricht: "Eine Landung in Patriot Hills ist wegen zu starkem Seitenwind nicht möglich!" An diese Nachricht sollten wir uns noch gewöhnen und das Warten beginnt. Die nächsten 2 Wochen sollten wir diese Nachricht täglich bis zu zwei mal hören. Die einzige Abwechslung zu den Hotelwänden war ein Kurzausflug mit Sigune und Gernot zu den berühmten Torres del Paine in Südpatagonien. Weihnachten verbrachten wir nicht wie geplant in der Antarktis, sondern in einem sehr einfachen Hotel in Punta Arenas. Nach 12 Tagen warten, endlich die erlösende Nachricht: "Wir können fliegen!" Tatsächlich hebt kurze Zeit später die Illjushin Richtung Antarktis ab. Nach der Landung spüren wir das erste Mal die rauhen Bedingungen der Antarktis: Kalte Luft, leichter Wind und eisig glatter Untergrund.

 Wir beziehen unsere zwei Mann Zelte im Camp Patriot Hills und bereiten uns auf den Weiterflug ins Vinson Massiv vor. Zwei Tage später fliegen wir mit einer Twin Otter (kleine Propellermaschine) ins Base Camp des Mount Vinson. Ab jetzt sind wir wirklich in der Antarktis! Wir verladen unser Gepäck auf Schlitten und brechen Richtung LOW-Camp (ca. 2.800m) auf. Es läuft wie geplant: Wir steigen am nächsten Tag auf zum HIGH-Camp (ca. 3.800m) und deponieren dort bereits unser Material (Verpflegung, Benzin für Kocher und warme Bekleidung) für den Gipfeltag. Für eine gute Akklimatisierung steigen wir zum Schlafen wieder ins LOW-Camp ab. Tags darauf bringen wir unsere restliche Ausrüstung (Zelt, Schlafsack, ...) mit zum HIGH-Camp. Für geübte Bergsteiger ist der Aufstieg zum HIGH-Camp nicht besonders schwer: durchschnittlich beträgt die Steigung zwischen 30 und 40 Grad und ist ohne Seilsicherung zu bewältigen. Den nächsten Tag (Neujahrstag) nutzen wir als Akklimatisations- und Erholungstag. Da es in dieser Zeit in der Antarktis 24h hell ist, gibt es keinen besonderen Zeitdruck: Wir können trotz der langen Etappe nicht in die Dunkelheit geraten. Wir brechen am 2. Jänner 2009 um ca. 8 Uhr Richtung Gipfel auf. Nach einem langen Aufstieg erreichen wir dann um ca. 14 Uhr den Gipfel des 4.897m hohen Mount Vinson: Stolz stehe ich am Gipfel des höchsten Berges der Antarktis, es ist bereits der vierte Gipfel meines Seven Summits Projekts. Trotz guter Wettervorhersage kündigen sich Wolken an und die Windgeschwindigkeiten nehmen zu. Wir steigen ab zum HIGH-Camp und übernachten dort. In der Nacht verschlechtert sich das Wetter drastisch. Bei Temperaturen um -40 Grad und 120 km/h Windgeschwindigkeit ist an das Verlassen des Zeltes nicht mehr zu denken. Wir verbringen einen weiteren Tag im HIGH-Camp, ehe wir weiter absteigen können. Mit einigen weiteren Verzögerungen, mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt, geht es übers Vinson Basecamp zurück nach Patriot Hills und von dort wieder mit der Illjushin zurück nach Punta Arenas. Für mich ist damit eine sehr exklusive, beeindruckende und einzigartige Expedition zu Ende. Ich kann nur bestätigen, dass der Mount Vinson mit seinen extremen Rahmenbedingungen nicht nur eine körperliche, sondern auch eine mentale Herausforderung darstellt.